
Kaum ein Technikthema ist so von Halbwissen durchsetzt wie das Laden von Akkus. Der eine schwört darauf, das Handy immer komplett leerzunutzen, der nächste zieht das Kabel panisch bei 100 Prozent, und irgendwo geistert immer noch der Ratschlag herum, einen neuen Akku erst einmal drei Tage am Stück zu laden. Vieles davon stammt aus einer Zeit, in der Akkus noch aus Nickel-Cadmium bestanden, und ist für heutige Geräte schlicht falsch. Zeit, die gängigsten Mythen zu sortieren und zu klären, was Lithium-Ionen-Akkus wirklich guttut.
Was Lithium-Ionen-Akkus mögen und was nicht
In praktisch jedem Smartphone, Notebook und E-Bike steckt heute ein Lithium-Ionen-Akku (oder die verwandte Lithium-Polymer-Variante). Diese Zellen altern auf zwei Wegen: durch Ladezyklen und schlicht durch Zeit. Beides lässt sich nicht verhindern, aber deutlich bremsen. Am wohlsten fühlt sich die Zelle im mittleren Ladebereich; die Extreme sind der Stress. Dauerhaft auf 100 Prozent gehalten zu werden bedeutet hohe Zellspannung und beschleunigt die chemische Alterung, Tiefentladung Richtung 0 Prozent kann die Zelle sogar dauerhaft schädigen. Daher stammt die bekannte 20-80-Regel: Wer den Akku meist zwischen etwa 20 und 80 Prozent bewegt, verlangsamt den Kapazitätsverlust merklich.
Man sollte daraus allerdings keine Religion machen. Die Regel ist eine Tendenz, kein Gesetz. Vor einer langen Reise das Gerät voll zu laden ist völlig in Ordnung; entscheidend ist, was über Monate und Jahre im Alltag passiert, nicht die Ausnahme. Ein Akku ist ein Verschleißteil und will benutzt werden. Wer sein Smartphone aus lauter Sorge kaum noch lädt, hat den Sinn der Übung verfehlt.
Der Memory-Effekt ist Geschichte
Der hartnäckigste Mythos zuerst: Nein, moderne Akkus muss man nicht „erst ganz leer machen“. Der berüchtigte Memory-Effekt, bei dem sich der Akku scheinbar merkte, auf welchem Niveau er geladen wurde, betraf Nickel-Cadmium-Zellen aus den Neunzigern. Bei Lithium-Ionen-Technik existiert er nicht; im Gegenteil, regelmäßige Komplettentladungen sind hier eher schädlich. Ebenfalls überholt: die Angst vor dem Laden über Nacht. Jedes aktuelle Gerät beendet den Ladevorgang bei 100 Prozent selbstständig und hält den Stand dann nur noch. Ideal für die Lebensdauer ist das Dauernuckeln an der Steckdose trotzdem nicht, gefährlich aber auch nicht. Und auch das gelegentliche „Kalibrieren“ durch eine volle Ladung von 0 auf 100 hilft nicht dem Akku, sondern höchstens der Prozentanzeige der Software.
Was dagegen völlig zu Recht einen schlechten Ruf hat, ist Hitze. Hohe Temperaturen sind der schnellste Weg, einen Akku zu ruinieren: das Smartphone im Sommer auf dem Armaturenbrett, das Notebook, das auf der Bettdecke seine Lüftungsschlitze verdeckt, das Laden in der prallen Sonne. Ab etwa 35 bis 40 Grad wird es der Zellchemie deutlich zu warm. Auch Schnellladen erzeugt Wärme; die Geräte managen das zwar selbst und drosseln bei Bedarf, aber wer es eilig nicht nötig hat, lädt mit einem schwächeren Netzteil schonender. Kälte ist übrigens das kleinere Problem: Sie reduziert die Kapazität nur vorübergehend, laden sollte man einen tiefgekühlten Akku aber erst wieder bei Zimmertemperatur.
Ladelimits: Die Hersteller helfen inzwischen mit
Die gute Nachricht: Man muss die 20-80-Regel längst nicht mehr von Hand befolgen, die Hersteller haben das Problem erkannt. Apple bietet auf neueren iPhones unter Batterie-Einstellungen ein festes Ladelimit an, wahlweise bei 80 Prozent oder etwas darüber; älter und weiter verbreitet ist das „Optimierte Laden“, das über Nacht erst kurz vor dem Aufstehen die letzten 20 Prozent nachschiebt. Samsung nennt seine Funktion Batterieschutz und kappt auf Wunsch bei 80 Prozent, andere Android-Hersteller wie Google oder Xiaomi haben vergleichbare Schalter, teils adaptiv, teils fest. Bei Notebooks gibt es solche Limits schon länger: Lenovo, Dell, Asus und Co. bieten in ihren Tools eine Ladeschwelle an, was besonders für Geräte sinnvoll ist, die fast immer am Netzteil hängen. Wer sein Notebook als Quasi-Desktop betreibt, sollte diese Option unbedingt aktivieren.
Einen Punkt noch zur Einordnung: Akku-Alterung ist schleichend und wird oft mit anderen Bremsen verwechselt. Ein träges Gerät liegt häufiger an zugemüllter Software als an der Batterie, so wie ein langsamer Rechner öfter an einer randvollen SSD liegt als an alternder Hardware. Die Batterie-Einstellungen moderner Smartphones zeigen die verbleibende Kapazität in Prozent an; solange dort deutlich über 80 Prozent stehen, gibt es wenig Grund zur Sorge.
Was am Ende zählt
Wer sich nur drei Dinge merken will: Hitze meiden, Extremstände meiden, Ladelimit aktivieren, wenn das Gerät es anbietet. Alles andere ist Feintuning. Ein pfleglich behandelter Akku hält heute problemlos vier, fünf Jahre durch, bevor ein Tausch ansteht; und der ist dank gesetzlich verbesserter Ersatzteillage auch keine Katastrophe mehr. Die Zeiten, in denen man Laderituale pflegen musste, sind jedenfalls vorbei. Das dürfen sie auch in den Köpfen sein.
