
In fast jeder Schublade liegt eines: ein ausgemustertes Smartphone, zu langsam für den Alltag, zu schade für den Elektroschrott. Dabei steckt in dem Gerät alles, was eine Überwachungskamera braucht: Kamera, Mikrofon, WLAN, Bewegungserkennung per Software. Wer wissen will, ob die Katze wirklich auf dem Sofa schläft oder ob im Keller alles trocken bleibt, kann sich die 50 bis 100 Euro für eine fertige IP-Kamera sparen. Die Einrichtung dauert einen Nachmittag, und am Ende tut ein Gerät wieder etwas Sinnvolles, statt in der Schublade zu altern.
Die Software: eine ganze App-Kategorie steht bereit
Das Prinzip ist bei allen Lösungen gleich: Auf dem alten Gerät läuft eine App, die das Kamerabild per Netzwerk bereitstellt; auf dem aktuellen Smartphone oder im Browser schaut man zu. In den App-Stores hat sich dafür eine eigene Kategorie etabliert, bekannte Vertreter sind etwa Alfred oder AlfredCamera auf der einen Seite und Apps, die das Telefon in eine klassische IP-Kamera mit RTSP-Stream verwandeln, auf der anderen. Letztere sind interessant für alle, die schon einen Mediaserver oder ein NAS betreiben und den Stream dort einbinden wollen.
Bei der Auswahl lohnt ein Blick auf drei Punkte. Erstens: Läuft die Übertragung über die Server des Anbieters oder direkt im Heimnetz? Ein reiner Cloud-Dienst ist bequem, schickt aber Bilder aus der eigenen Wohnung durch fremde Rechenzentren; die Abwägung ähnelt der bei anderen Cloud-Diensten im Smart Home. Zweitens: Gibt es Bewegungserkennung mit Benachrichtigung? Ohne sie muss man selbst hinschauen, mit ihr meldet sich das Gerät nur, wenn etwas passiert. Drittens: Unterstützt die App das alte Betriebssystem noch? Gerade Geräte mit sehr altem Android fallen bei manchen Apps inzwischen raus, ein Test vor der finalen Montage erspart Frust.
Strom und Standort: die eigentliche Fleißarbeit
Eine Kamera, die nach acht Stunden ausgeht, taugt nichts, also bleibt das Gerät dauerhaft am Ladegerät. Genau hier lauert das größte praktische Problem: Ein Akku, der monatelang bei 100 Prozent am Netz hängt, altert schneller und bläht sich im schlimmsten Fall auf. Einige Android-Geräte und Apps bieten eine Ladebegrenzung auf etwa 80 Prozent, die man unbedingt aktivieren sollte; warum das dem Akku guttut, habe ich im Artikel über das richtige Laden von Akkus ausführlicher beschrieben. Zusätzlich gilt: Display-Helligkeit auf Minimum oder Display ganz aus, Energiesparfunktionen für die Kamera-App deaktivieren, damit das System sie nicht nachts beendet, und das Gerät nicht in pralle Sonne oder auf die Heizung legen.
Für die Befestigung braucht es keine Speziallösung. Eine simple KFZ-Halterung mit Saugnapf hält an Fensterscheiben und glatten Schränken, ein kleines Stativ mit Handyklemme kostet wenig und steht überall. Wichtiger als die Halterung ist der Blickwinkel: leicht erhöht, Richtung Tür oder Raummitte, ohne Gegenlicht durchs Fenster. Wer nachts filmen will, sollte vorher testen; alte Smartphone-Sensoren sind bei Dunkelheit deutlich schwächer als echte Überwachungskameras mit Infrarot-LEDs.
Einrichtung in vier Schritten
- Altes Gerät auf Werkseinstellungen zurücksetzen, alle unnötigen Apps und Konten weglassen; das spart Leistung und reduziert die Angriffsfläche.
- Kamera-App auf beiden Geräten installieren, koppeln und im selben WLAN testen.
- Bewegungserkennung, Benachrichtigungen und gegebenenfalls Aufnahmezone konfigurieren, damit nicht jeder Lichtwechsel Alarm auslöst.
- Gerät montieren, ans Ladegerät hängen und einen Tag Probebetrieb fahren, bevor man sich darauf verlässt.
Ein Wort zur Sicherheit: Das alte Gerät hängt ab jetzt dauerhaft im Heimnetz und sollte behandelt werden wie jedes andere vernetzte Gerät auch, also mit aktuellen Updates, soweit noch verfügbar, und einem starken Passwort für den Zugriff. Dass vernetzte Kameras ein beliebtes Angriffsziel sind, ist keine neue Erkenntnis; schon vor Jahren habe ich über die Sicherheit im Internet der Dinge geschrieben, und an den Grundregeln hat sich wenig geändert.
Rechtlich sauber bleiben
So praktisch die Heimkamera ist, ein paar Regeln sind nicht verhandelbar. Gefilmt werden dürfen nur die eigenen Räume beziehungsweise das eigene Grundstück. Der Bürgersteig vor dem Haus, der Hausflur im Mehrfamilienhaus oder gar Nachbars Garten sind tabu; hier drohen ernsthafte rechtliche Konsequenzen. Und wer Besuch empfängt, während die Kamera läuft, muss darauf hinweisen: Heimliches Filmen von Gästen, Handwerkern oder der Reinigungskraft ist nicht erlaubt. Am unkompliziertesten fährt, wer die Kamera nur bei Abwesenheit aktiviert; viele Apps können das per Zeitplan oder mit einem Fingertipp.
Bleibt die Frage, für wen sich der Aufbau lohnt. Wer ohnehin eine professionelle Videoüberwachung mit mehreren Außenkameras plant, ist mit dedizierter Hardware besser bedient. Für den Blick in die Wohnung im Urlaub, die Werkstatt im Keller oder das Katzenkörbchen ist das alte Smartphone dagegen eine erstaunlich brauchbare Lösung: kostenlos, in einer Stunde eingerichtet und jederzeit rückbaubar.
