
Ein Lichtschalter hält dreißig Jahre. Eine Türklingel auch. Ein smarter Lichtschalter hält so lange, wie der Hersteller Lust hat, einen Server dafür zu betreiben. Was genau passiert eigentlich, wenn dieser Server eines Tages abgeschaltet wird? Die Frage klingt theoretisch, hat aber eine sehr konkrete Antwort, und sie ist der wichtigste Unterschied zwischen der Technik im Sicherungskasten und der Technik in der App.
Der Schalter, der einfach aufhörte
Das bekannteste Beispiel ist inzwischen zehn Jahre alt und immer noch das lehrreichste. Der Smart-Home-Hub Revolv wurde von Nest übernommen, das wiederum zu Google gehörte. 2016 schaltete Google die dazugehörigen Server ab. Nicht der Support endete, nicht die Updates: das Gerät selbst hörte auf zu funktionieren. Wer eines gekauft hatte, besaß danach ein Stück Kunststoff mit Netzteil. Die Käufer wurden entschädigt, das ändert aber nichts an der Erkenntnis: Ein Gerät, dessen Verstand in einem fremden Rechenzentrum sitzt, kann per Fernentscheidung abgeschaltet werden.
Seitdem hat sich die Sache wiederholt, in Abstufungen. Sonos bot 2019 ein Umtauschprogramm an, bei dem alte Lautsprecher gegen einen Rabatt dauerhaft unbrauchbar gemacht wurden, und musste nach heftiger Kritik zurückrudern. Die Smart-Home-Plattform Wink stellte 2020 von einem Tag auf den anderen auf ein Pflichtabo um: Wer nicht zahlte, verlor den Zugriff auf bereits gekaufte Hardware. Der Aufschrei war jeweils groß, geändert hat sich am Grundmuster wenig.
Warum das keine Ausrutscher sind
Es ist verlockend, in solchen Fällen den einzelnen Hersteller zu beschimpfen. Interessanter finde ich die Frage, warum es strukturell so kommen muss. Ein Cloud-Dienst verursacht laufende Kosten: Server, Bandbreite, Sicherheitspflege, Zertifikate, App-Anpassungen an jede neue Android- und iOS-Version. Diese Kosten laufen weiter, die Einnahme aus dem Gerät war aber einmalig und liegt Jahre zurück. Irgendwann steht in einer Tabelle, dass ein Produkt mit ein paar tausend verbliebenen aktiven Geräten mehr kostet, als es einbringt. Was dann passiert, ist betriebswirtschaftlich naheliegend und für den Besitzer trotzdem eine Enteignung auf Raten.
Dazu kommt ein Anreizproblem. Wer sein Gerät so baut, dass es auch ohne Hersteller weiterläuft, verzichtet auf Bindung, auf Abomodelle und auf Daten. Die technisch schlechtere Variante ist die kaufmännisch bessere. Genau deshalb glaube ich nicht daran, dass sich das von allein löst.
Woran man es vor dem Kauf erkennt
Es gibt eine simple Prüffrage, die überraschend gut funktioniert: Was macht dieses Gerät, wenn das Internet ausfällt? Nicht theoretisch, sondern ausprobiert. Bei mir fliegt seit einiger Zeit alles raus, das im Router-Neustart für zwei Minuten tot ist. Ein Bewegungsmelder, der eine Lampe schaltet, hat keinen nachvollziehbaren Grund, dafür einen Server in Übersee zu fragen.
Zweitens: Gibt es einen offenen Weg hinein? Geräte, die lokale Protokolle sprechen, überleben ihren Hersteller. Zigbee und Z-Wave funktionieren mit jeder passenden Zentrale, auch mit einer selbst betriebenen. Matter ist mit dem Anspruch angetreten, genau diese Unabhängigkeit zum Standard zu machen; wie weit das in der Praxis trägt, habe ich in Matter im Smart Home aufgeschrieben. Die kurze Version: Es hilft, ist aber kein Freibrief, weil viele Hersteller weiterhin Zusatzfunktionen ausschließlich in ihre eigene App legen.
Drittens die unromantische Frage nach dem Anbieter selbst. Ein Startup mit einer schönen App und einer Finanzierungsrunde im Rücken ist ein Risiko, ein etablierter Hersteller mit langweiliger Produktlinie meist nicht. Bei Geräten, die fest verbaut werden, würde ich diesem Punkt mehr Gewicht geben als dem Funktionsumfang.
Nach Gerätearten sortiert
Nicht jede Abschaltung wiegt gleich schwer, und diese Unterscheidung fehlt mir in der Debatte oft. Bei einer smarten Steckdose ist der Verlust überschaubar: Der Stecker steckt weiter, die Lampe geht von Hand an, ersetzt ist das Ding für kleines Geld. Deshalb ist das auch die Kategorie, in der ich am wenigsten wählerisch bin, siehe Smarte Steckdosen.
Bei einem Türschloss sieht es anders aus. Es sitzt in der Tür, sein Ausfall sperrt im Zweifel jemanden aus, und der Austausch ist Handwerksarbeit. Für diese Klasse von Geräten gilt für mich die Regel, dass sie ohne Netzwerk vollständig bedienbar bleiben müssen, mechanisch oder per Funkschlüssel vor Ort. Über die anderen Fallstricke dieser Geräteklasse steht mehr in Wie sicher sind smarte Türschlösser?.
Am ärgerlichsten sind Heizungssteuerungen und Alarmanlagen. Beides greift tief in die Wohnung ein, beides wird selten getauscht, beides bindet gern an eine Hersteller-App. Wer hier baut, sollte die Zentrale selbst betreiben und die Geräte nur als Ausführende betrachten.
Was sich ändern müsste
Eine Verpflichtung, die Steuerungssoftware bei Abkündigung freizugeben, wäre der wirksamste Hebel. Einige Hersteller haben das freiwillig getan, es blieb die Ausnahme. Realistischer ist vorerst etwas Kleineres: eine ehrliche Angabe auf der Packung, wie lange der Dienst mindestens läuft. Bei Sicherheitsupdates gibt es solche Fristen inzwischen, für den Weiterbetrieb der Cloud nicht.
Bis dahin bleibt die Entscheidung beim Käufer, und sie ist einfacher, als sie klingt. Je fester ein Gerät verbaut ist und je unangenehmer sein Ausfall wäre, desto weniger sollte es von einem fremden Server abhängen. Für alles andere gilt: Ein bequemes Gerät mit Ablaufdatum darf man kaufen, man sollte es nur wissen. Was mich stört, ist nicht die Cloud. Es ist, dass niemand dazusagt, dass man ein Abo gekauft hat und keinen Schalter.
