
Ich habe im Frühjahr eine Küchenwaage geschenkt bekommen. Ein flaches Ding aus Glas, das Gramm anzeigt und sonst nichts können muss. Beim Auspacken lag ein Zettel dabei: App laden, Konto anlegen, Gerät koppeln. Ohne Registrierung zeigt die Waage zwar das Gewicht an, die halbe beworbene Funktion bleibt aber verschlossen. Seitdem achte ich beim Auspacken darauf, und die Liste der Geräte, die eine Anmeldung verlangen, ist deutlich länger, als ich gedacht hätte.
Wie aus einem Gerät ein Zugang wurde
Früher war die Sache klar: Man kaufte etwas, packte es aus und benutzte es. Heute steht zwischen dem Auspacken und der ersten Nutzung ein Formular. Fernseher, Saugroboter, Kopfhörer, Heizungsthermostate, sogar Zahnbürsten und Grills wollen wissen, wer man ist. In vielen Fällen ist die Anmeldung technisch nachvollziehbar, etwa wenn das Gerät von unterwegs erreichbar sein soll und der Hersteller dafür einen Server betreibt, der die Verbindung vermittelt. In genauso vielen Fällen ist sie das nicht: Eine Waage muss meine Mailadresse nicht kennen, um Gramm zu zählen.
Was aus Herstellersicht dahintersteckt, ist kein Geheimnis. Ein Konto verwandelt einen einmaligen Käufer in einen dauerhaften Kontakt. Es liefert eine Adresse für Produktnachrichten, eine Grundlage für Nutzungsstatistiken und einen Anknüpfungspunkt für spätere Zusatzangebote. Vor allem aber ist es die Voraussetzung dafür, das Gerät nachträglich zu verändern, Funktionen freizuschalten oder eben abzuschalten. Das Konto ist der Hebel, mit dem die Beziehung nach dem Kauf weitergeht.
Der Preis, den man nicht auf dem Kassenzettel sieht
Drei Dinge stören mich daran, und keines davon ist der Aufwand beim Einrichten.
Erstens hängt die Nutzbarkeit an einer fremden Entscheidung. Solange der Dienst läuft, merkt man davon nichts. Wird er eingestellt, steht funktionierende Hardware im Regal und tut nichts mehr. Wie schnell das gehen kann und was dann noch hilft, habe ich beim Thema abgeschaltete Hersteller-Clouds beschrieben. Ein Gerät ohne Kontozwang wird von so einer Ankündigung schlicht nicht getroffen.
Zweitens wandern Daten ab, die niemanden etwas angehen. Wann jemand zu Hause ist, wie oft er kocht, wann er staubsaugt, welche Sendungen laufen: Das sind Alltagsspuren, die einzeln banal wirken und zusammengenommen ein ziemlich genaues Bild ergeben. Der Zweck ist meist in einer Datenschutzerklärung beschrieben, die niemand liest, und er kann sich mit dem nächsten Update ändern.
Drittens ist ein Konto ein Angriffsziel. Jede Registrierung ist ein weiterer Datensatz mit Mailadresse und Passwort in einer Datenbank, deren Absicherung ich nicht beurteilen kann. Wenn ein Hersteller von Luftreinigern gehackt wird, steht meine Adresse in einer Liste, die anschließend für Phishing benutzt wird. Für ein Gerät, das Luft filtert, ist das ein bemerkenswert schlechtes Verhältnis von Nutzen zu Risiko.
Wo die Anmeldung wirklich gebraucht wird
Es wäre einseitig, jede Registrierung als Zumutung abzutun. Bei einer Türklingel mit Kamera, deren Bild ich unterwegs sehen will, muss irgendjemand die Verbindung zwischen meinem Handy und dem Gerät herstellen, und dazu braucht es eine Kennung. Bei einer Videotürsprechanlage oder einem Alarmsystem gehört auch eine sichere Anmeldung dazu, sonst könnte jeder mitschauen. Der Unterschied liegt darin, ob das Konto eine Funktion ermöglicht, die ohne Server gar nicht denkbar wäre, oder ob es nur eine Hürde vor eine Funktion stellt, die das Gerät längst selbst beherrscht.
Ein guter Prüfstein ist die Frage, was passiert, wenn das Internet ausfällt. Bleibt die Grundfunktion erhalten, ist das Konto ein Zusatz. Steht das Gerät still, ist es eine Abhängigkeit. Genau an dieser Stelle setzen offene Standards an: Ein Thermostat, das über Matter lokal mit der eigenen Zentrale spricht, funktioniert weiter, auch wenn der Hersteller nie wieder von sich hören lässt.
Wie ich es inzwischen handhabe
Ich prüfe vor dem Kauf, ob das Gerät ohne Konto seine Hauptaufgabe erfüllt. Das steht selten im Prospekt, aber fast immer in den Bewertungen, weil sich genau darüber jemand geärgert hat. Wenn eine Anmeldung unvermeidlich ist, lege ich sie mit einer eigenen Mailadresse an, die ich nur für Gerätekonten benutze; landet dort Werbung oder ein Erpressungsversuch, weiß ich sofort, aus welcher Ecke er kommt. Passwörter kommen aus dem Passwortmanager und werden nirgends wiederverwendet.
Und ich lasse öfter etwas weg. Die Waage zeigt Gramm an, das reicht. Der Fernseher hängt an einem kleinen Zuspieler, der Saugroboter fährt nach Zeitplan statt nach Sprachbefehl. Nichts davon ist Verzicht im schmerzhaften Sinn, es ist eher die Rückkehr zu der Erwartung, dass ein gekauftes Gerät mir gehört und nicht dem Hersteller ein Fenster in meine Wohnung öffnet. Dass diese Erwartung inzwischen als altmodisch gilt, sagt mehr über den Markt als über mich.
