
Linux ausprobieren, ohne irgendetwas am eigenen Rechner zu verändern: Das klingt nach einem Widerspruch, ist aber seit Jahren gelebte Praxis. Ein sogenanntes Live-System startet komplett vom USB-Stick, lässt Windows und alle Daten auf der Festplatte unangetastet und verschwindet nach dem Neustart wieder spurlos. Was man dafür braucht: einen USB-Stick ab 8 Gigabyte, eine Viertelstunde Zeit und die Bereitschaft, einmal ins Boot-Menü des Rechners zu schauen. Mehr nicht.
Schritt 1: Distribution wählen und ISO laden
Linux gibt es nicht als das eine Produkt, sondern als Distributionen, also fertig geschnürte Pakete aus System und Software. Für den ersten Kontakt haben sich zwei Kandidaten bewährt: Linux Mint, dessen Oberfläche Windows-Umsteigern sofort vertraut vorkommt, und Ubuntu als Klassiker mit der größten Community. Wer mag, kann später weiterziehen; für den Test ist die Wahl fast egal, das Prinzip ist überall gleich. Heruntergeladen wird ein ISO-Abbild von der offiziellen Projektseite, eine Datei von einigen Gigabyte Größe. Auf schnellen Leitungen ist das eine Sache von Minuten. Wichtig: das Abbild wirklich von der Projektseite laden und nicht von irgendeinem Download-Portal; dort lauern gern umverpackte Versionen mit Beigaben, die niemand bestellt hat.
Schritt 2: Stick beschreiben
Das ISO einfach auf den Stick zu kopieren genügt nicht, es muss bootfähig geschrieben werden. Dafür gibt es eine ganze Werkzeugklasse: Unter Windows sind Rufus und balenaEtcher die bekanntesten Vertreter, beide kostenlos und selbsterklärend. Stick einstecken, ISO auswählen, Ziel-Laufwerk kontrollieren, Start drücken. Die Kontrolle des Ziel-Laufwerks ist der einzige Punkt, an dem Sorgfalt gefragt ist: Der Schreibvorgang löscht den Stick vollständig, und wer versehentlich eine externe Backup-Platte auswählt, hat ein echtes Problem. Erwähnenswert ist noch Ventoy, das einen anderen Ansatz verfolgt: Der Stick wird einmalig vorbereitet, danach kopiert man beliebig viele ISO-Dateien einfach darauf und wählt beim Start aus. Wer mehrere Distributionen vergleichen will, spart sich damit das ständige Neubeschreiben.
Schritt 3: Vom Stick starten
Jetzt kommt die Hürde, an der die meisten Anläufe scheitern, dabei ist sie klein: Der Rechner muss angewiesen werden, vom Stick statt von der internen Platte zu starten. Dazu direkt nach dem Einschalten die Taste für das Boot-Menü drücken, je nach Hersteller meist F12, F11, F8 oder Esc; ein kurzer Blick ins Handbuch oder auf den Startbildschirm verrät die richtige. Im Menü den USB-Stick auswählen, fertig. Falls der Stick dort nicht auftaucht, lohnt ein Blick in die UEFI-Einstellungen: Gelegentlich muss Secure Boot deaktiviert werden, wobei die großen Distributionen inzwischen auch damit klarkommen. Alle Änderungen lassen sich anschließend gefahrlos rückgängig machen.
Nach kurzer Ladezeit erscheint ein vollständiger Desktop mit Browser, Office-Paket und Dateimanager. Das System läuft dabei aus dem Arbeitsspeicher und vom Stick, spürbar langsamer als eine echte Installation, aber völlig ausreichend, um sich umzusehen. WLAN einrichten, Webseiten öffnen, prüfen, ob Drucker, Sound und Funktionstasten des Notebooks funktionieren: Genau dafür ist der Live-Modus da, denn Hardware-Probleme zeigen sich hier sofort und nicht erst nach einer Installation. Er ist übrigens auch als Notfallwerkzeug Gold wert, etwa um Daten von einem Rechner zu retten, dessen Windows nicht mehr startet.
Live-Modus oder gleich installieren?
Wichtig zu verstehen: Im Live-Modus ist nichts von Dauer. Jede Einstellung, jede gespeicherte Datei ist nach dem Neustart weg, und Windows startet wieder, als wäre nichts gewesen. Genau das macht den Modus so risikofrei, aber auch ungeeignet für den Dauerbetrieb. Wer nach ein paar Sitzungen Gefallen findet, klickt auf das Installations-Symbol auf dem Live-Desktop. Dann wird es allerdings ernst: Ab hier drohen echte Veränderungen an der Festplatte, und spätestens jetzt gehört ein vollständiges Backup der eigenen Daten zur Pflicht. Die Installer bieten meist an, Linux neben Windows zu installieren; wer unsicher ist, testet lieber noch eine Weile im Live-Modus oder greift zu einem Zweitrechner.
Für wen sich der Ausflug lohnt
Kurz gesagt: für erstaunlich viele. Für alle, deren Alltag ohnehin im Browser stattfindet und die neugierig sind, wie sich ein schlankes System anfühlt. Für Besitzer älterer Hardware, denn ein betagtes Notebook, das unter Windows zäh geworden ist, wirkt unter einem leichten Linux oft wie befreit; das ist die softwareseitige Ergänzung zum hardwareseitigen Frühjahrsputz. Und für Bastler, die etwa einen Mini-PC als Server oder Zweitsystem betreiben wollen. Wer dagegen auf spezielle Windows-Software angewiesen ist, von Steuerprogrammen bis zu manchen Spielen, wird Linux eher als Zweitsystem denn als Ersatz nutzen. Aber genau das muss man vorher nicht wissen; der Stick beantwortet die Frage in einer Viertelstunde, ohne dass der Rechner davon etwas mitbekommt.
