
Wer über die Jahre ein Smart Home zusammengekauft hat, kennt das Durcheinander: Die Lampen sprechen mit der Hue-Bridge, die Steckdosen nur mit der App ihres Herstellers, der Saugroboter will ein eigenes Konto, und die Frage „funktioniert das mit Alexa oder mit HomeKit?“ entscheidet vor jedem Kauf neu über Wohl und Wehe. Genau dieses Chaos soll Matter beenden. Der Standard existiert seit Ende 2022, wird von Apple, Google, Amazon, Samsung und Hunderten weiteren Firmen getragen und steht inzwischen auf erstaunlich vielen Verpackungen. Grund genug, sich anzusehen, was dahintersteckt und wie viel Ordnung der Standard wirklich schafft.
Eine gemeinsame Sprache für Geräte
Matter ist im Kern eine Verabredung: Geräte beschreiben sich und ihre Fähigkeiten auf eine standardisierte Weise, sodass jede kompatible Steuerzentrale sie versteht. Eine Matter-Lampe ist für Apple Home dasselbe wie für Google Home, Amazon Alexa oder Samsung SmartThings; sie lässt sich sogar in mehrere dieser Ökosysteme gleichzeitig einbinden. Eingerichtet wird per QR-Code auf dem Gerät, ganz ohne Hersteller-App und ohne weiteres Cloud-Konto. Das ist ein echter Fortschritt gegenüber der alten Welt, in der jeder Hersteller seine eigene Insel betrieb; über deren Schattenseiten hatte ich beim Thema Smart-Home-Cloud schon einmal ausführlicher geschrieben.
Wichtig zur Einordnung: Matter regelt die Anwendungsebene, nicht den Funk. Übertragen werden die Daten über WLAN, Ethernet oder Thread. Thread ist dabei der interessanteste Teil: ein sparsames Funknetz speziell für kleine Geräte, bei dem netzstrombetriebene Teilnehmer wie Steckdosen als Router arbeiten und ein Mesh aufspannen. Fällt ein Knoten aus, suchen sich die Pakete einen anderen Weg. Batteriebetriebene Sensoren halten in so einem Netz monatelang durch. Nötig ist ein Border Router als Brücke ins Heimnetz, der steckt aber ohnehin schon in vielen Geräten: im HomePod mini, in neueren Echo-Lautsprechern, in Nest- und SmartThings-Hubs.
Was Matter heute löst
Der größte Gewinn ist die Kaufentscheidung. Steht das Matter-Logo auf der Packung, funktioniert das Gerät mit jedem der großen Ökosysteme; die Frage „Alexa oder HomeKit?“ verliert ihren Schrecken. Auch der Familienfrieden profitiert: Das iPhone der einen und das Android-Telefon des anderen steuern dieselben Geräte, ohne doppelte Einrichtung. Dazu kommt, dass Matter lokal funktioniert. Die Steuerung läuft im Heimnetz, nicht über Server in Übersee; wenn der Hersteller morgen seine Cloud abschaltet, schaltet die Lampe trotzdem noch. Nach Jahren, in denen vernetzte Geräte per Serverabschaltung zu Elektroschrott wurden, ist das vielleicht das stärkste Argument. Und weil die Kommunikation von Haus aus verschlüsselt und jedes Gerät kryptografisch zertifiziert ist, adressiert der Standard auch viele der Sorgen, die ich vor Jahren unter dem Titel „Wie sicher ist das Internet der Dinge?“ aufgeschrieben habe.
Und was (noch) nicht
Ehrlicherweise ist Matter kein fertiges Paradies. Der Standard deckt zwar immer mehr Gerätetypen ab; Lampen, Steckdosen, Schalter, Sensoren, Thermostate, Schlösser, Rollläden, inzwischen auch Haushaltsgeräte und Saugroboter. Aber oft nur mit Basisfunktionen. Eine Hue-Lampe kann über Matter an, aus, dimmen und Farbe; die hübschen Szenen und Verlaufseffekte bleiben der Hersteller-App vorbehalten. Kameras fehlten dem Standard lange komplett. Dazu kommt, dass die Umsetzung in den Ökosystemen unterschiedlich weit ist: Was unter SmartThings sauber läuft, zickt unter Google Home und umgekehrt, und Firmware-Stände entscheiden mit. Die Versionen 1.2, 1.3 und 1.4 haben den Standard spürbar erweitert, doch bis jedes Ökosystem jede Neuerung unterstützt, vergehen jeweils Monate.
Auch das Verwalten über mehrere Plattformen hinweg, auf dem Papier ein Vorzeigefeature, ist in der Praxis noch hakelig. Wer ein Gerät nachträglich in ein zweites Ökosystem einbinden will, muss den passenden Freigabecode erst einmal in den Tiefen der jeweiligen App finden; das ist machbar, aber von der versprochenen Selbstverständlichkeit noch ein Stück entfernt. Und wer schon ein gut laufendes System auf Zigbee-Basis hat, gewinnt durch einen Umstieg erst einmal wenig; Zigbee-Geräte lassen sich ohnehin oft über Bridges in Matter-Welten einbinden, Hue macht genau das vor. Ein erzwungener Umbau funktionierender Installationen wäre also genau die Sorte Aktionismus, die man sich sparen kann.
Lohnt sich der Einstieg?
Meine Einschätzung: Wer heute neu ins Smart Home startet, fährt mit Matter-Geräten richtig und hält sich alle Ökosystem-Türen offen. Wer ein bestehendes System hat, muss nichts überstürzen, sollte aber bei Neukäufen auf das Logo achten; die Geräte funktionieren ja parallel weiter wie bisher. Matter ist kein Zauberstab, sondern ein Fundament, und Fundamente sind unspektakulär. Aber es ist das erste Mal, dass die gesamte Branche auf demselben Fundament baut. Allein dafür lohnt es sich, dem Standard die Kinderkrankheiten nachzusehen.
