
Neulich habe ich bei Verwandten einen neuen Fernseher eingerichtet. Bis zum ersten Bild waren es acht Dialoge, und in sieben davon ging es nicht um Bildeinstellungen, sondern um Zustimmung. Der aussagekräftigste Punkt hieß sinngemäß „Dienste zur Erkennung von Seherinformationen“, versteckt hinter einem Menüpunkt, den man mit dem Cursor erst einmal ansteuern muss. Was dahintersteckt, ist der eigentliche Geschäftszweck vieler moderner Fernseher.
ACR: Der Fernseher schaut mit
Die Technik heißt Automatic Content Recognition, kurz ACR. Der Fernseher erstellt in kurzen Abständen eine Art Fingerabdruck des Bildes, das gerade auf dem Panel liegt, und gleicht ihn mit einer Datenbank beim Hersteller ab. Kein Video wird übertragen, sondern eine stark reduzierte Signatur, aus der sich das Gegenstück in der Datenbank bestimmen lässt.
Der entscheidende Punkt ist, dass ACR am Panel ansetzt und nicht an der App. Es spielt deshalb keine Rolle, woher das Bild kommt. Der klassische Fernsehsender wird genauso erkannt wie der Stream einer App, die Blu-ray aus dem Player am HDMI-Eingang und unter Umständen sogar der Bildschirm des Notebooks, das jemand zum Präsentieren angeschlossen hat. Wer denkt, mit einem externen Zuspieler außen vor zu sein, irrt: Der Fernseher sieht alles, was er anzeigt.
Warum die Geräte so günstig sind
Das ist keine Randerscheinung, sondern Teil der Kalkulation. Fernseher sind ein Geschäft mit dünnen Margen, und die Daten aus dem Wohnzimmer sind für Werbevermarkter deutlich mehr wert als die paar Euro Gewinn beim Verkauf. Aus den Sehgewohnheiten entstehen Profile, die sich für zielgerichtete Werbung nutzen und mit anderen Datenquellen verknüpfen lassen. Auf dem Startbildschirm vieler Geräte sind die Werbeflächen inzwischen genauso prominent wie die eigenen Apps.
Dass die Praxis nicht neu ist, zeigt ein Fall aus den USA: Der Hersteller Vizio zahlte 2017 nach einem Verfahren der Handelsaufsicht FTC und des Bundesstaates New Jersey 2,2 Millionen Dollar, weil Sehdaten ohne ausreichende Aufklärung gesammelt und weitergegeben worden waren. Geändert hat das an der Technik nichts, nur an den Einwilligungsdialogen. Die gibt es seitdem, und sie sind so gestaltet, dass Zustimmen schneller geht als Ablehnen. Das Muster kennt man aus dem Browser, wo Cookies und Fingerprinting nach derselben Logik funktionieren.
Wo die Schalter sitzen
Abschalten lässt sich das in der Regel, nur selten dort, wo man zuerst sucht. Die Bezeichnungen wechseln mit Hersteller und Modelljahr, das Prinzip ist überall ähnlich: In den Einstellungen gibt es einen Bereich für Datenschutz oder Nutzungsbedingungen, und dort stehen mehrere separate Zustimmungen untereinander. Bei Samsung heißt die relevante Option je nach Baujahr „Dienste für Seherinformationen“, bei LG firmiert sie unter „Live Plus“. Andere Hersteller sprechen von personalisierten Empfehlungen oder von Werbe-IDs.
Es lohnt sich, jeden Punkt einzeln durchzugehen, statt der Sammelzustimmung zu vertrauen. Häufig sind es drei bis vier getrennte Einwilligungen: die Inhaltserkennung selbst, die Weitergabe an Werbepartner, personalisierte Werbung und die Nutzung für Empfehlungen. Ein Widerruf schaltet nicht automatisch alles ab. Zusätzlich steckt in den Werbeeinstellungen meist eine Geräte-Werbekennung, die sich zurücksetzen lässt, ähnlich wie beim Smartphone. Nach einem größeren Firmware-Update sollte man kurz nachsehen: Ich habe es schon erlebt, dass eine neue Bedingung erschien und die Einstellung dabei stillschweigend wieder auf Zustimmung stand.
Der härtere Weg führt über das Netzwerk
Wem die Menüs nicht reichen, der kann am Router ansetzen. Ein DNS-Filter im Heimnetz blockiert die Telemetrie-Adressen der Hersteller, bevor der Fernseher sie erreicht. Das funktioniert, hat aber Nebenwirkungen: Manche Geräte quittieren fehlende Verbindungen mit trägen Menüs, und Updates kommen unter Umständen nicht mehr an. Wer den Fernseher ohnehin nur als Bildschirm für einen externen Zuspieler nutzt, kann ihn auch schlicht vom WLAN trennen. Das ist die einzige Maßnahme, die zuverlässig wirkt.
Ein Mittelweg ist, alle smarten Geräte in ein eigenes Netz zu stecken. Wie das mit Bordmitteln geht, habe ich im Beitrag zum Gastnetz im WLAN beschrieben. Das verhindert die Datensammlung nicht, hält den Fernseher aber vom Rest des Heimnetzes fern, und das ist bei einem Gerät, das jahrelang keine Sicherheitsupdates mehr sieht, für sich genommen schon einiges wert.
Meine Einschätzung nach dem Einrichten
Mich stört weniger die Technik als die Asymmetrie: Das Gerät ist bezahlt, es hängt an der eigenen Wand, und trotzdem muss man sich durch Menüs arbeiten, um es davon abzuhalten, den eigenen Abend zu protokollieren. Die zehn Minuten beim Einrichten sind gut investiert, mehr Aufwand würde ich dafür nicht treiben. Wer neu kauft, sollte einkalkulieren, dass der smarte Teil ein Verfallsdatum hat und der Hersteller Dienste jederzeit einstellen kann, so wie es bei abgeschalteten Clouds regelmäßig passiert. Das Panel hält zehn Jahre, die Software selten. Ein günstiger Fernseher plus separater Zuspieler, der sich in fünf Jahren austauschen lässt, ist deshalb oft die vernünftigere Rechnung als das Spitzenmodell mit der klügsten Oberfläche.
