Was ist eigentlich RSS? Und warum es ein Comeback erlebt

Smartphone mit Nachrichten neben einer Tasse Kaffee

Es gibt Techniken, die totgesagt werden und einfach nicht sterben. RSS gehört dazu. Das Format ist über zwanzig Jahre alt, Google hat seinen Reader schon 2013 eingestampft, und trotzdem taucht das orangefarbene Symbol in letzter Zeit wieder häufiger auf: in neuen Feedreader-Apps, in Podcast-Verzeichnissen, in den Blogs von Leuten, die genug von Social-Media-Timelines haben. Zeit für einen Blick darauf, was RSS eigentlich ist und warum ausgerechnet jetzt so viele dahin zurückkehren.

Ein Abo für Webseiten

RSS steht für „Really Simple Syndication“, und der Name ist Programm. Im Kern ist ein RSS-Feed nichts weiter als eine maschinenlesbare Datei, die eine Webseite neben ihren normalen Seiten ausliefert. Darin stehen die neuesten Beiträge mit Titel, Datum, Anrisstext oder Volltext und einem Link. Ein Feedreader ruft diese Datei regelmäßig ab und zeigt an, was seit dem letzten Besuch neu ist. Man abonniert also eine Webseite, so wie man früher eine Zeitschrift abonniert hat; nur kostenlos, ohne Anmeldung und ohne dass die Seite überhaupt erfährt, wer mitliest.

Das Prinzip funktioniert mit erstaunlich vielen Quellen. Nahezu jedes Blog-System liefert Feeds automatisch mit, bei WordPress genügt ein angehängtes /feed/ an die Adresse. Nachrichtenseiten bieten Feeds an, oft sogar getrennt nach Ressorts. YouTube stellt für jeden Kanal einen Feed bereit, auch wenn das kaum jemand weiß. Und Podcasts sind ohnehin nichts anderes als RSS-Feeds mit angehängten Audiodateien; die gesamte Podcast-Welt läuft bis heute auf dieser Technik.

Der Reader als eigene Timeline

Zum Lesen braucht es einen Feedreader. Die Auswahl ist groß: Webdienste wie Feedly oder Inoreader, Apps wie NetNewsWire auf Apple-Geräten oder schlicht die eingebaute Feed-Funktion mancher E-Mail-Programme wie Thunderbird. Wer gern selbst hostet, setzt sich mit FreshRSS oder Miniflux einen eigenen Reader auf den Heimserver und behält die Daten komplett bei sich. In allen Fällen entsteht dasselbe: eine chronologische Liste aller neuen Beiträge aus selbst gewählten Quellen, an einem Ort, ohne Doppeltes und ohne Lücken.

Genau darin liegt der eigentliche Reiz. Eine Social-Media-Timeline zeigt, was ein Algorithmus für aufmerksamkeitsstark hält; ein RSS-Reader zeigt, was die abonnierten Seiten veröffentlicht haben. Punkt. Nichts wird umsortiert, nichts unterdrückt, nichts mit „Vorschlägen“ aufgefüllt. Wer zwanzig Quellen abonniert, sieht die Beiträge dieser zwanzig Quellen, in der Reihenfolge ihres Erscheinens. Nach ein paar Wochen mit einem Reader fühlt sich das Scrollen durch algorithmische Feeds seltsam fremdbestimmt an. Mich erinnert diese Rückbesinnung ein wenig an das Usenet: auch so ein offener, dezentraler Urgestein-Dienst, der die Plattform-Ära überlebt hat, weil ihn niemand abschalten oder aufkaufen kann.

Warum gerade jetzt das Comeback?

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Viele Plattformen haben ihre Reichweite für externe Links gedrosselt, Timelines quellen über vor Werbung und Empfehlungen, und mit jedem Dienst, der schließt oder unbenutzbar wird, wächst der Wunsch nach etwas Eigenem. Gleichzeitig erleben persönliche Blogs und Newsletter eine kleine Renaissance, und deren natürlicher Verteilkanal ist nun einmal der Feed. RSS profitiert davon, dass es niemandem gehört: Es gibt keinen Konzern, der Regeln ändern, Gebühren einführen oder den Dienst einstellen könnte. Ein offenes Format, unzählige Programme, fertig.

Natürlich hat die Sache Grenzen. Manche Verlage kürzen ihre Feeds auf zwei Sätze, um Klicks auf die werbefinanzierte Seite zu erzwingen. Manche moderne Website bietet gar keinen Feed mehr an, dann helfen nur Umwege über Dienste, die Feeds aus HTML-Seiten erzeugen. Und wer hundert Quellen abonniert, ersetzt die Informationsflut nicht, er organisiert sie nur besser. Aber genau das ist schon viel wert.

Einfach mal ausprobieren

Der Einstieg kostet zehn Minuten: Reader aussuchen, drei bis fünf Lieblingsseiten abonnieren, ein paar Tage mitlesen. Die Feed-Adresse findet sich meist im Footer der Seite, hinter dem orangenen Symbol oder eben per angehängtem /feed/. Viele Reader finden den Feed auch selbst, wenn man nur die normale Webadresse eintippt. Wer merkt, dass ihm das ruhige, chronologische Lesen liegt, baut die Sammlung nach und nach aus. Und wer nicht, hat nichts verloren; kein Konto, keine Daten, kein Abo im eigentlichen Sinne. Auch dieser Blog hat übrigens einen Feed. Das orange Symbol wartet.

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